Weltweit war das zurückliegende Jahr das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Dabei überschritt die globale Durchschnittstemperatur im Zeitraum zwischen Februar 2023 und Januar 2024 die vorindustriellen Levels um 1,5 Grad Celsius, stellt die Europäische Umweltagentur (EEA) in ihrem jüngst veröffentlichten Bericht zur Klimarisikobewertung fest. Besonders betroffen ist Europa, da sich kein anderer Kontinent so schnell erwärmt habe. Die Folgen sind einerseits Hitzerekorde und Dürren, andererseits Überschwemmungen aufgrund von anhaltendem Starkregen, wie wir sie gerade im Süden Deutschlands erlebt haben.
„Diese Extremereignisse, kombiniert mit ökologischen und sozialen Risikofaktoren, stellen ganz Europa vor Herausforderungen. Insbesondere gefährden sie die Nahrungs-, Wasser- und Energiesicherheit, die Finanzstabilität sowie die Gesundheit von Menschen, die im Freien arbeiten und der Bevölkerung insgesamt“, schreiben die Autoren. Mehr noch, der Klimawandel sei ein Risikomultiplikator, der bestehende Risiken verschärfen und in andere Bereiche und Regionen kaskadieren könne. Die Studienautoren heben hervor, dass bei der Anwendung der sogenannten Schweregrad-skalen im Rahmen des Europäischen Klimarisikomanagements mehrere Klimarisiken bereits kritische Ausmaße erreicht haben. Das gelte beispielsweise für die Nahrungsmittelsicherheit, die Bedrohungen durch Waldbrände und hitzebedingte Gesundheitsrisiken im Süden Europas. „Wenn jetzt nicht entschlossen gehandelt wird, könnten die meisten identifizierten Klimarisiken bis zum Ende dieses Jahrhunderts kritische oder katastrophale Ausmaße erreichen“, mahnen die EEA-Experten und betonen: „Hunderttausende von Menschen würden an Hitzewellen sterben und wirtschaftliche Verluste allein durch Küstenüberschwemmungen könnten die Eine-Billion-Euro-Marke überschreiten.“
Ein Blick in die Agenda für die Umsetzung des europäischen Green Deals zeigt, dass trotz mancher Rückschläge in Bereichen wie Landwirtschaft, Biodiversität oder Verkehr einiges erreicht worden ist. Vor dem Hintergrund des Ziels, die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent zu senken, wurde das hierfür aufgelegte Paket „Fit für 55“ nach Angaben der Europäischen Kommission inzwischen vollständig angenommen. Betroffen sind alle Wirtschaftszweige der EU, sei es der Verkehr und der Gebäudesektor, ebenso die Dekarbonisierung der Gasmärkte und die Reform des EU-Emissionshandelssystems.
Doch in letzter Zeit verschlechterte sich die politische Großwetterlage beim Klima- und Umweltschutz. Beispielsweise hatte die EU Ende März dieses Jahres angesichts massiver Proteste von Landwirten Auflagen beim Anbau von Zwischenfrüchten gelockert und sie weiterhin von der Pflicht befreit, einen Teil ihrer Ackerflächen zugunsten des Artenschutzes stillzulegen. Ebenso mehren sich Politikerstimmen, die für eine Rücknahme des „Verbrenner-Aus“ bei Neuwagen plädieren, und dies nicht nur aus dem rechtsradikalen und nationalistischen Parteienspektrum. Doch gerade die EU- und Klimawandel-Skeptiker sind durch die Europawahlen massiv gestärkt worden. Droht nun wohlmöglich ein klimapolitischer Rollback?
„Das ist zu befürchten, zumindest in der derzeitigen Form“, bestätigt uns Pascal Dudle, Head of Impact & Thematic Investing bei Vontobel, den wir zusammen mit weiteren Fondsmanagern im Vorfeld der Europawahlen nach seiner Einschätzung befragten. Die EU hat zwar eine Reihe von Verordnungen eingeführt, die den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft beschleunigen sollen und als Rückenwind für die Energiewende betrachtet werden könnten, erläutert Dudle, bewertet die aktuellen Aussichten angesichts der Europawahlen dennoch als besorgniserregend. Der Anlageexperte resümiert: „Ein gespaltenes Parlament als Ergebnis der Wahlen könnte zu einer Reihe von Reibereien zwischen den Parteien führen und ein Überdenken der bisherigen Agenda nach sich ziehen.“ „Grüne Politik wird von Politikern in der ganzen Welt in Frage gestellt“, meint Jens Peers, Manager des Mirova Global Sustainable Equity Fund und fügt hinzu: „Wir glauben, dass man einige Vorhaben überarbeiten wird, insbesondere solche, die Europa in eine schwierigere Wettbewerbsposition bringen würden. Oder aber, dass sie beibehalten und dafür protektionistischere Maßnahmen wie Zölle eingeführt werden.“ Da fossile Brennstoffe hauptsächlich importiert werden, bleibe der Bedarf an einer Infrastruktur für erneuerbare Energien hoch. „Es wird eine Menge Lärm und Diskussionen geben“, fasst Peers zusammen, betont aber: „Die Investitionsstory bleibt intakt.“
Obwohl das Verbrenner-Aus ein zentrales Element des europäischen Green Deals sei, mit dem die EU bis 2050 klimaneutral werden will, umfasst das Paket eine Vielzahl von weiteren Maßnahmen in unterschiedlichen Sektoren, wird vonseiten der Fondsgesellschaft IFM betont. So habe es einen deutlichen Aufschwung bei erneuerbaren Energien ebenso wie einen weiteren Ausbau der Stromnetze (Smart Grid) gegeben. „Wir glauben nicht, dass es zu einem klimapolitischen Rollback kommt“, so das Fazit. Im Gegenteil. Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit dürfte sich auch in Zukunft weltweit fortsetzen. „Wenn die Regierungspolitik angepasst wird, kann sich das Tempo der Investitionen in Klimalösungen beschleunigen oder verlangsamen“, meint auch Dan Roarty, Fondsmanager des AB Sustainable Global Thematic Portfolio. Während die Regulierungsbehörden in der EU einige Klimaziele im Bereich erneuerbare Energien und Einführung von Elektrofahrzeugen laut Roarty verzögern, haben sie gleichzeitig die Ziele für andere Klimalösungen wie Recycling, kohlenstoffarme Produktherstellung und klimaresistente Infrastruktur beschleunigt. „Es wird immer Schwankungen bei der regulatorischen Unterstützung für Klimainvestitionen geben, die sich kurzfristig auf den Fortschritt auswirken können“, sagt Roarty, stellt aber fest, dass die Richtung unverändert bleibt und es langfristig zu einem entsprechenden Investitionsschub kommen wird.
Auch Gerhard Wagner, Manager des Swisscanto (LU) Equity Fund Sustainable sieht den Megatrend zur Dekarbonisierung intakt und verweist auf die Vorteile von global investierenden Fonds, denen „unabhängig von den Entwicklungen in der EU zahlreiche nachhaltige Investmentopportunitäten“ verbleiben. Der AB-Fondsmanager bestätigt: „Wenn der Green Deal oder andere Gesetze geändert werden, kann das zwar einen zusätzlichen Anreiz für die Nachfrage nach gezielten Anwendungen beseitigen, aber die zugrunde liegende Dynamik für nachhaltige Investitionen sollte anhalten.“ Angesichts geopolitischer Krisen und Kriege weist der Vontobel-Fondsmanager noch darauf hin, dass nachhaltige Anlagen in bestimmten Sektoren für eine gewisse Zeit niedrigere Renditen erzielen könnten als jene Sektoren, die in Rüstungsbereiche involviert sind. Aber Dudle fügt hinzu: „Bei nachhaltigen Anlagen handelt es sich um Investitionen in den langfristigen Wert von Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftspraktiken, die dazu neigen, auf lange Sicht zu gedeihen.“
SDG UND ESG-RISIKEN IM FOKUS
Ein Blick in die „Maschinenräume“ von globalen nachhaltigen Aktienfonds, die derzeit überdurchschnittliche Anlageergebnisse abliefern, offenbart einen starken Fokus auf ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales, Governance) und/oder die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die Sustainable Development Goals, kurz SDGs. So greift beispielsweise für die Titelauswahl beim Mirova Global Sustainable Equity Fund eine Nachhaltigkeitsanalyse, die den „gesamten Lebenszyklus der Produktentwicklung“ umfasst, also „von der Rohstoffgewinnung bis zur Nutzung und Entsorgung durch den Endverbraucher“. Zudem sollen die positiven Auswirkungen auf die SDGs maximiert, negative aber vermieden werden. Mit einem Fondsvolumen von über fünf Milliarden Euro zählt der Fonds zu den Schwergewichten. Rund 50 Prozent des Fondsvermögens ist jeweils zur Hälfte in den Branchen Informationstechnologie und Gesundheit investiert. Knapp 42 Prozent des Volumens stellen allein die Top Ten der insgesamt nur 45 Portfoliotitel. Fondsmanager Jens Peers: „Darüber hinaus verpflichten wir uns, ein Anlageportfolio aufzusetzen, das eine Wirtschaft repräsentiert, in der im Einklang mit dem Pariser Abkommen von 2015 eine Erderwärmung um nicht mehr als zwei Grad Celsius erwartet wird.“
Auf dem CO2-Fußabdruck liegt – einmal abgesehen von den Ausschlusskriterien und einem ESG-Rating – das primäre Ziel des Rankingsiegers IFM Champion Ethical Equity Fund. Demnach werden nur Unternehmen berücksichtigt, „die aufgrund messbarer Daten tiefe CO2-Emissionen ausweisen und bestrebt sind, die Werte auch in Zukunft weiter zu verringern. „Für unseren Ansatz ist somit nicht das Endprodukt des Unternehmens entscheidend, sondern wie nachhaltig es hergestellt wird“, wird vonseiten des Fondsmanagements betont. Aktuell liege der „implizite Temperaturanstieg für den Fonds bei tiefen 1,7 Grad Celsius“. Ein Blick in die Top Ten des Fonds liefert sofort einen Grund für den aktuellen Performanceerfolg: Zwei Highflyer stellen allein ein Zehntel des Fondsportfolios: der Chip-Spezialist Nvidia und der Pharmakonzern Eli Lilly. Insgesamt bilden die Top Ten einen Anteil des Fondsvolumens von gut 44 Prozent.
Beim Vontobel Fund – Global Environmental Change geht es um sechs „Wirkungsbereiche“, in denen Unternehmen mit überzeugenden Lösungen punkten müssen: Infrastruktur mit sauberer Energie, sauberes Wasser, Gebäudetechnik, emissionsarmer Verkehr, ressourceneffiziente Industrie und Lebenszyklus-Management. „Durch den Beitrag zu einem oder mehreren unserer sechs Wirkungsbereiche unterstützt jedes Unternehmen als Konsequenz auch mindestens eines der SDGs durch seine Produkte und Dienstleistungen“, erläutert Dudle von Vontobel. Aufgrund der ökologischen Ausrichtung stünden dadurch sechs der 17 SDGs im Fokus. Außerdem greift eine Reihe von Ausschlusskriterien, für die Schwellenwerte gelten können. Abgesehen von Waffen, Kohle und anderen fossilen Brennstoffen, die von vielen Nachhaltigkeitsfonds geächtet werden, sind hier auch Atomenergie, Palmöl und Erwachsenen-Unterhaltung für den Fondsmanager tabu.
„Die 17 allgemeinen Ziele allein sind jedoch nicht detailliert genug, um als Investitionsgrundlage zu dienen. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die 169 Einzelziele, die den 17 SDGs untergeordnet sind“, sagt der Fondsmanager des AB Sustainable Global Thematic Portfolio. Nach eingehender Prüfung habe sich herausgestellt, dass etwa hundert der SDG-Unterziele Anlagechancen für den privaten Sektor bieten. Ins Anlageuniversum kann ein Unternehmen dann gelangen, wenn es mit den Produkten und Dienstleistungen, die einen Beitrag zu den SDGs leisten, einen Umsatz von mindestens 25 Prozent erzielt. „In der Praxis liegt der gewichtete durchschnittliche Umsatzanteil unseres Portfolios in der Regel bei über 75 Prozent“, sagt Roarty. Zudem würden die wesentlichen ökologischen, sozialen und Governance-spezifischen Risiken, mit denen die Unternehmen konfrontiert sind, bewertet. Im Investmentfokus liegen derzeit vier Branchen: Informationstechnologien mit rund 36 Prozent sowie Industriegüter, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen mit Anteilen von jeweils 16 bis 18 Prozent.
Sowohl in „SDG-Leader“ als auch in „ESG-Leader“ investiert der Swisscanto Equity Fund Sustainable. „Bei den SDG-Leadern (wie Nvidia und Alphabet) stellen wir den Anspruch, dass die Firmen Lösungsbeiträge zu Gesellschafts- und Umweltproblemen leisten“, erläutert Fondsmanager Gerhard Wagner. Es stehe im Fokus, „was“ hergestellt wird. „ESG-Leader (wie Microsoft, Apple und Amazon) hingegen schneiden bezüglich ESG-Kriterien zwar überdurchschnittlich ab, leisten aber keine Lösungsbeiträge für Nachhaltigkeitsprobleme mit ihren Produkten oder Dienstleistungen“, führt er aus und ergänzt: „Die drei ESG-Leader dienen als Risikobeimischung im Portfolio.“
Am Beispiel Alphabet zeigt sich klar, wie unterschiedlich auch der „nachhaltige Blick“ auf Unternehmen ausfallen kann: „Das Unternehmen leistet via Google beispielsweise einen Zugang zu Wissen für breite Bevölkerungsschichten via Internet. Zudem verfügt es über eine überzeugende Klimastrategie“, sagt der Fondsmanager. Für Andrea Machost, u. a. für das Portfoliomanagement verantwortliches Vorstandsmitglied der Ökoworld AG, ist Alphabet wegen deren Machtfülle im Bereich der Suchmaschinen und der Defizite beim Datenschutz nicht investierbar (siehe Interview auf Seite 29). Mit seiner fast 50-jährigen Historie zählt der Fondsanbieter zu den Pionieren bei Nachhaltigen Investments und ist für seine strenge Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien ohne den Einsatz von Schwellenwerten bekannt. Beim Ökoworld Ökovision Classic wird dies durch einen unabhängigen Anlageausschuss sichergestellt, in dem Experten mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen das Anlageuniversum des Fonds immer wieder prüfen und gestalten.
Interessant wird es künftig sein, wie die Fondsanbieter die mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) einhergehenden sozialen und energetischen Risiken bewerten werden. Letztere finden teils bereits stärkere Beachtung. Beispielsweise gilt dies beim IFM Champion Ethical Equity Fund im Zusammenhang mit dem Energieaufwand und damit verbundenen CO2-Emissionen. Der Manager des Mirova-Fonds verweist auf die Science Based Targets Initiative, kurz SBTi. Demnach müssen Unternehmen im Bereich KI eine von der Kooperation aus Umwelt- und Klimaschutzorganisationen genehmigte Energiewendepolitik verfolgen. Nach Einschätzung des AB-Fondsmanagers könnte der Energiebedarf ein limitierender Faktor für die generative KI sein. „Um dieser Realität zu begegnen, werden sowohl mehr Rohenergie als auch eine höhere Energieeffizienz in Computerarchitekturen und Rechenzentren benötigt werden“, sagt Roarty und betont: „Unternehmen, die zur Lösung dieses Energieproblems beitragen, könnten dieser aufstrebenden Technologie eine nachhaltige Zukunft ermöglichen – und Chancen für Aktienanleger schaffen.“